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Alltag sichten
  Ausstellungsprojekt von Helge Schlaghecke in Dachau
Epilog / Katalog


Im Kalenderjahr 2002 realisierte die Stadt Dachau den Jahreszeiten entsprechend 4 Ausstellungen im Rahmen von Rat holen. Helge Schlaghecke konzipierte und realisierte das dritte Projekt der Reihe Alltag sichten als Fotoausstellung im weitesten Sinn. Zeitraum war ein verregneter Frühsommer, was den Unikat-Plakat-Aktionen im öffentlichen Raum nicht gerade zuträglich war.

Die Geschichte des Plakats ist in erster Linie die eines Propaganda Mediums. Mit suggerierten Wunschbildern dringt es aus dem öffentlichen Raum in unseren privaten Raum ein, manipuliert unsere Wahrnehmung, unsere Phantasie. Die Ausstellung Alltag sichten in Dachau hat diese Position umgekehrt. Bilder, zu denen jeweils eine Person das Statement (M)EIN WUNSCHBILD bekennend abgegeben hat, wurden dem Betrachter im öffentlichen Raum zur Verfügung gestellt. Wer sich für den Ausstellungsrahmen interessiert hat wusste, dass es sich um Wunschbilder handelte. Jedoch: Die Konnotation wurde nicht ausgestellt – die Bilder standen ohne weitere Erklärung für sich. Ausgehend von der Erfahrung und These, dass ein Bild niemals auch nur zweimal identisch betrachtet wird, geschah an diesem Punkt zweierlei: Ein Bild mit individuellem, sehr persönlichen Bezug wurde nach außen gereicht, daher neutralisiert. Da dieser Bezug und dessen Autor anonym blieben, hatte jeder observierende Passant die Möglichkeit eigene Wunschbilder in den Bildern zu entdecken, bzw. zu verwerfen. So waren die 13 Plakate im Idealfall Exponat und zugleich Projektionsfläche für die Phantasie der Vorbeigehenden .
Ästhetik, kulturgeschichtlich zu Wertungs und Bewertungsmaßstab mutiert, wurde hier auf ihre ursprüngliche Bedeutung zurückgeführt: grie.: Betrachten. Ebenso wichtig war es dem Projekt, in der scheinbar lückenlos besetzten Öffentlichkeit, im Alltag, Kunst als einen der letzten Freiräume unserer Gesellschaft zu nutzen. So gesehen handelte es sich nicht um eine Fotoausstellung im klassischen Sinn. Alltagsichten war ein Kunstprojekt, in dessen Vordergrund Betrachtung, Wahrnehmung und Kommunikation standen, ein Projekt das mit Fotografie arbeitet, weil diese ein allgemein verfügbares und allgemein verständliches Medium ist. Daher waren alle Personen, die in irgend einer Art und Weise Alltagsichten kommentiert haben, an der Ausstellung ebenso künstlerisch beteiligt wie diejenigen die eigene Wunschbilder eingereicht haben. Auch und vor allen diejenigen, die jene am häufigsten gestellte Frage formulierten: „Was für Wunschbilder meinen Sie denn eigentlich?“- Es zeigt, dass ein Freiraum nicht ohne weiters zu füllen ist und dass die ewige Sorge falsch verstanden zu werden oder nicht richtig verstanden zu haben, einer persönlichen künstlerischen Aussage im Weg steht. Die Dachauer Malerin, die am Kunststand die Position vertrat, eine Ausschreibung ohne handwerkliche Qualitätsvorgaben könne kein künstlerisches Niveau haben und demjenigen der vorschlug, eine Spiegelfolie in Plakatgröße kommentarlos an einem der Standorte zu positionieren (dies aber leidr nicht tat) – Diesen beiden und allen anderen Betrachtern danke ich an dieser Stelle abschließend.

Helge Schlaghecke, Dachau, Februar 2003


ALL1

  DAC2
Ausstellungskatalog
Dachau 2002
ISBN 3-933675-03-0

 
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